Die Zeit der Stille

In wenigen Tagen ist es wieder soweit, die Wintersonnenwende und das Fest der Liebe, wie man Weihnachten auch nennt, stehen vor der Tür. Es ist faszinierend und erstaunlich, wie sich in unserem Kulturkreis alles auf ein Fest ausrichtet, das man als Weihnachtsfest bezeichnet. Kaum werden die Nächte länger und die Tage kälter, verspüren viele Menschen den Drang, die Nacht durch Lichter zu erhellen. Nicht nur die zur Orientierung erforderlichen Lichtquellen sind gemeint, sondern die Fülle an zusätzlichen, oftmals sehr phantasievollen Lichtgebilden, denen man auf nächtlichen Spaziergängen begegnen kann und die unzähligen Kerzen und Teelichter, die in den Häusern leuchten. In seinem tiefsten Inneren ‒ verborgen in der nicht bewussten Seite unseres Wesens ‒ steckt die Sehnsucht nach Licht, Leben und Liebe. Der Mensch möchte die Dunkelheit erhellen, eigentlich sein eigenes Licht leuchten lassen. Denn anstatt nach einem Licht zu suchen, das von außen auf uns herab scheint, sollten wir das verborgene Licht in uns finden, um es dann auch im Außen zum Leuchten bringen.

Diese Zeit vor Weihnachten, Advent genannt, war in vielen alten Mysterientraditionen eine Zeit intensiver Reinigung und Vorbereitung, um für die Geburt des Göttlichen in uns geläutert zu sein. Es ist die Jahreszeit, in der unser inneres Licht angefacht wird, obwohl um uns herum Dunkelheit herrscht. Deshalb ist es auch eine kraftvolle Zeit für Offenbarungen in Träumen und für die Meditation. Eine gute Zeit, um uns von unseren äußeren Aktivitäten zurückzuziehen und in uns zu gehen, wenn wir es in unserem bewegten Alltag zulassen können und die Bereitschaft dazu verspüren. Die winterlichen Energien fördern die Innenschau und inspirieren unsere Ernsthaftigkeit bei der Suche nach der tiefen Stille.

In der Zeit der äußeren Dunkelheit wird jenes Licht geboren, das wir als das Christusbewusstsein bezeichnen können; und so geht es in dieser Zeit darum, das heilige Kind in jedem von uns aus der Krippe des niederen Selbst an seinen rechtmäßigen Platz in unserem Leben zu erheben. Das Weihnachtsfest ist ein alter und keineswegs nur christlicher Brauch, mit dem wir die Geburt von Jesus Christus feiern, in der „geweihten Nacht“, die man auf die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember gelegt hat. Die heiligen Väter der frühchristlichen Kirche und die hohen kirchlichen Behörden waren in den Jahrhunderten nach dem Leben Jesu noch außerstande, sein Geburtsdatum mit Bestimmtheit anzugeben. Bei den ersten Christen wurde der Jahrestag der Geburt mit einem großen Fest im Mai begangen, mitunter im April und gelegentlich auch im Januar. Schließlich bestimmte die Gemeinde in Rom während eines ihrer Konzile die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember als die richtige Zeit. Dieser Beschluss steht allerdings im Widerspruch zur überlieferten Geburtsgeschichte, in der wir die uns allen wohlbekannte und auch in vielen Liedern besungene Szene von den Hirten auf dem Felde finden, die ihre Schafe hüten. Auch sprechen die wettermäßigen Verhältnisse in Palästina Ende Dezember gegen dieses Datum. Wichtiger als alle historischen Daten und Fakten scheint allerdings die symbolische Bedeutung zu sein, und von diesem Gesichtspunkt aus gesehen erscheint uns das gewählte Datum mehr als einleuchtend, wird das Licht doch stets in der Dunkelheit entzündet. Und so hatten die heiligen Väter bei ihrer Entscheidung den wesentlichen Punkt in Betracht zu ziehen, dass in allen vorausgegangenen Jahrhunderten die anderen als Erlöser und Erretter bekannten großen Avatare als Söhne Gottes um genau diese Zeit geboren worden waren. Zum Beispiel: Buddha, Krishna, Osiris und Mohammed, um nur einige zu nennen. Sie mussten auch berücksichtigen, dass die Geburt dieser großen Männer auf den 25. Dezember fiel, weil infolge eines geistigen oder kosmischen Gesetzes kein Welterlöser zu irgendeiner anderen Zeit geboren sein konnte. Es geht also weniger um rein historische Fakten.

Wir sollten uns daher bewusst sein, dass die Geburt eines bedeutenden Avatars oder Gottessohnes unter den Menschen kein gewöhnlicher Vorgang und kein Zufall ist. Die Geburt eines Avatars ist die Auswirkung von Gesetzen, die im Kosmos begründet liegen und mit einer Reihe von Vorgängen übereinstimmen, die zur göttlichen Geburt führen und darin ihren Höhepunkt erreichen. Die Wintersonnenwende ist der Zeitpunkt, an dem sich die Sonne erneut nach Norden wendet. Auf der nördlichen Erdhalbkugel markiert sie den kürzesten Tag des Jahres – von dem an die Sonne jeden Tag ein bisschen länger scheint, zunächst meist unbemerkt. In Ägypten und Asien war die Wintersonnenwende eine Zeit großer Festlichkeiten zur Feier des Siegs der Sonne über die Dunkelheit – eine Zeit, in der das Licht über die Finsternis auf Erden triumphiert. Es ist das Licht als äußeres Sinnbild unseres inneren Potentials, des göttlichen Lichts in uns.

Chanukka, das jüdische Lichterfest, und Weihnachten, das christliche Fest zur Feier der Geburt Christi, sind beides moderne Feste, die ein Ausdruck dieser alten Feiern sind. Die Tage, die dem 24. Dezember folgen, bis einschließlich dem 6. Januar, gelten schon seit alters her als heilige Tage. Es lag nahe, dass man diese Jahresperiode als die Geburtszeit in der Natur schlechthin ansah, denn mit der Wintersonnenwende beginnt das Jahr, sich zu erneuern. Für uns Erdenbewohner scheint sich die Länge der Tage und Nächte zunächst nicht zu verändern ‒ als würde die Erde in ihrer elliptischen Bahn um die Sonne in Stille verharren. Aus diesem Grund spricht man auch von den „stillen Tagen“ oder der „stillen Zeit“. Die Zeit, in der sich nichts zu verändern scheint. Erst ganz allmählich erobert sich das Licht auch sichtbar Stunde um Stunde zurück. Während dieser besonderen Zeit der Wintersonnenwende und den darauffolgenden stillen Tagen liegt in der Natur ein Zauber, den wir wahrnehmen können, wenn wir uns darauf einlassen. Es ist jener Zauber, der sich ausbreitet, wenn etwas innehält. Aus diesem Aspekt heraus wird es umso verständlicher, dass ausgerechnet jetzt der Geburtstag von Jesus gefeiert wird.

Jesus ist der große Meister, der uns als Christus das Christus-Bewusstsein bringt, nach dem sich unsere Seelen so intensiv sehnen, ob von uns erkannt und verstanden oder unbemerkt. Ihm wurde offenbart, dass es erforderlich ist, allen Menschen Zugang zu dem zu verschaffen, was bisher nur einer kleinen Gruppe von Auserwählten vorbehalten war. Jesus als der Christus verkündete die großen Mysterien und die Lehren der Eingeweihten für die einfachen Menschen ‒ für uns.

Die Natur bereitet sich auf einen neuen Zyklus vor, in diesen stillen Tagen. Ein Göttliches Kind wird geboren, das einmal sagen wird: „Sehet, ich mache alles neu“, und bereitet durch sein Erscheinen einen gangbaren Pfad zum Licht, das in uns allen leuchtet ‒ ein Pfad zu höherem Bewusstsein. In der uns allen bekannten Weihnachtsgeschichte heißt es: „Euch ist HEUTE der Heiland geboren“ – es heißt HEUTE und nicht „…damals vor langer, langer Zeit“. Hinter dieser Aussage steckt ein ausgesprochen wichtiger, für uns sehr beachtenswerter Aspekt. Dieses HEUTE bezieht sich auf das Hier und Jetzt und gibt damit die historische Distanz und Unverbindlichkeit auf. Unter diesem Aspekt ist Weihnachten eine Aufforderung zur Wiedergeburt im Geiste, das heißt, Weihnachten ist etwas, was alle Jahre wieder in uns stattfinden kann, nämlich die Geburt des Lichtes. Und diese Geburt kann sich erst dann ereignen, wenn es außen dunkel geworden ist und alle veräußerlichten Werte schal geworden sind. Möge sich uns allen in Momenten der Stille der Zauber dieser stillen Tage den Weg in unsere Herzen bahnen, um jenes Licht hervorzubringen, das sich dann auch in der äußeren Welt zeigen möge.

Sr. S. L.